Wunschlos

 


In den Tiefen des Wienerwaldes gibt es eine seit hunderten von Jahren

bestehende Klosteranlage, die ich hin und wieder aufsuche. Obwohl ich

in keinem Maße religiös bin, übt dieser Ort auf mich eine magische

Anziehungskraft aus. Er ist nur spärlich besucht, zumeist streift man einsam

über Kieswege an Brunnen, steinernen Säulen und mit Silberbeschlägen

verzierten Holzpforten vorbei. Der Lauf der Welt übersieht diesen Ort

großzügig, man ist abgekoppelt und für sich in einer in sich ruhenden

kleinen Kapelle. Hier existiert kein Geltungsdrang oder die gierige

Sehnsucht nach immer neuen Erfolgen und Zielen. Man ist, zumindest mal

für eine Stunde einfach ein gehender und betrachtender Mensch, ohne

Zweck, aber auch ohne Sorge. Der Künstler Hagen Rether hat mal gesagt,

dass das Leben nicht besser wird wenn man sich kollektiv mit allen

möglichen Ablenkungen der Industrie zudröhnt, und in diesen Mauern habe

ich diese Aussage zur Gänze verstanden. Die Bilder die ich nach diesen

male, sind oft spontan, intuitiv, kleine Einsprengsel, nicht immer mit einer

Botschaft, sondern eher mit einem bestimmten Gefühl der Ruhe und

Ausgeglichenheit versehen. (ob das beim Betrachter auch so ankommt

kann ich natürlich nicht selber beurteilen ;)


Text und Lithographie, © Tim Kraushaar

Für Louise



Schneekristall


 

Nicht weit entfernt von der alten Stadt Wien, in den Tiefen des Wienerwaldes,

hinter einigen Kurven und etwas mehr Bäumen versteckt, liegt ein

abgelegener Pfad, welcher von der kleinen Gemeinde Gaaden in die Kurstadt

Baden führt. Und ein kleines bisschen abseits dieses Weges mag manch ein eifrig suchender Wanderer eine Stelle finden, wo sich des Nachts der Schnee höher staut als andernorts, wo eisige Böen den glitzernden Eis-Staub an wettergegerbte Baumrinde werfen, wo der Mond, endlich und nur für mich, in runder Vollkommenheit so hell strahlt, dass ich jeden einzelnen Schneekristall auf meiner Hand erkennen kann. Dunkelblau leuchtende Gletscher schälen sich aus den mit Moos geschmückten Felsen, der Boden wirft seine Pinienzapfen, Harzklumpen und Tannennadeln in die Höhe, es dampft und raucht in allen Ecken, Nebelschwaden ziehen auf. Wie kann mir hier so warm ums Herz werden, wo es doch so kalt ist? Ich weiß es nicht.


Ich träume seit Jahren von diesem Ort, gefunden habe ich ihn jedoch nie. Ich weiß in welchem Waldstück er liegt, wie er riecht und aussieht, aber nicht, wie ich dort hinkomme. Oft irre ich dort umher, in der stummen Gewissheit, jenen poetischen Platz immer um wenige Meter zu versäumen. Stets unzufrieden und gierig passiere ich hohe Stämme und weite Wiesen, wäge ab, plane neu, nehme neue Blickwinkel in Augenschein. Versuche, ein verschneites Panorama hervorzulocken.


Eines Tages, wenn ich mit dem Baum vor mir und dem Stein unter mir zufrieden bin, wunschlos glücklich und mit dem weiten Nachthimmel im Reinen, werde ich ihn finden. Meinen Ort aus einem seltsamen, niemals präzise ausformulierten Traum. Meinen großen Schatz. Und dann werde ich feststellen, dass es von Anfang an die rastlose Suche war, welche mir die glühenden Venen mit Tatendrang füllte, gleich einem großen Kohlenofen und seiner schnaubenden Arbeit, welche im Sommer verstummt, um geduldig seine Auferstehung im Herbst zu erwarten.


Text und Lithographie, © 2014 Tim Kraushaar

Für Sabine

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